Zieloffene Suchtarbeit: partizipativ, an realistischen Veränderungspfaden orientiert

© Sonja Bachmayer

Die zieloffene Suchtarbeit versteht ihre Klienten als entscheidungsfähig und veränderungsbereit; die Klienten reflektieren und bestimmen das Behandlungsziel: Abstinenz oder Konsumreduktion oder Konsumänderung zur Schadensminderung. „Zieloffene Suchtarbeit ist eng mit partizipativer Entscheidungsfindung verbunden, bei der Fachkräfte ihre Expertise einbringen, ohne die Entscheidungshoheit der Klienten zu unterlaufen,“ formuliert Prof. Dr. Joachim Körkel in der Fachzeitschrift `RAUSCH – Wiener Zeitschrift für Suchttherapie` 1/2-26. In Einzelbeiträgen beschreiben die AutorInnen, wie Suchtarbeit durch Zieloffenheit erfolgreicher werden kann.

„Aus dem Menschenbild der zieloffenen Suchtarbeit leitet sich eine spezifische professionelle Haltung ab, die sich am ´Spirit´ des Motivational Interviewing orientiert: Partnerschaftlichkeit, Akzeptanz, Empathie und Stärkung der Autonomie. Fachkräfte begegnen Klienten auf Augenhöhe, nehmen deren Zielvorstellungen ernst und verzichten auf moralische Bewertungen oder verdeckte Zielvorgaben. Zentral sind für die Fachkraft die bewusste Kontrolle eigenen Rechthabens sowie die Anerkennung der Grenzen professionellen Wissens,“ betont Körkel.

Er empfiehlt im strukturierten Vorgehen drei Schritte:

  1. „Gemeinsam mit dem Klienten wird ein umfassender Überblick über alle aktuell und früher konsumierten Substanzen sowie relevante nicht-stoffgebundene Suchtverhaltensweisen erarbeitet. Ziel ist v.a. Transparenz herzustellen und den Multisubstanzkonsum als legitimes Gesprächsthema zu etablieren. Klinische Erfahrungen zeigen, dass Klienten häufig erst dann Änderungsbereitschaft für einzelne Substanzen äußern, wenn sie explizit und sanktionsfrei danach gefragt werden…“
  2. „Der zweite Schritt folgt in der systematischen Zielabklärung. Für jede konsumierte Substanz wird gemeinsam mit dem Klienten geklärt, welches Ziel er derzeit anstrebt…“
  3. „Im dritten Schritt folgt der Einsatz evidenzbasierter Interventionen, die konsequent an den zuvor geklärten Zielen ausgerichtet sind …“

Körkel und Kolleginnen konkretisieren im Detail, wie zieloffene Suchtarbeit in unterschiedlichen ambulanten oder stationären Settings erfolgreich umsetzbar wird. „Entscheidend ist dabei nicht die bloße Offenheit gegenüber verschiedenen Zielen, sondern deren systematische Klärung und professionelle Bearbeitung. Zieloffenheit ist damit kein Verzicht auf fachliche Steuerung, sondern eine andere Form von Steuerung: dialogisch, partizipativ und an realistischen Veränderungspfaden orientiert.“

rausch – Wiener Zeitschrift für Suchttherapie 2026-1-2
Zieloffene Suchtbehandlung
Pabst, 15. Jahrgang

» mehr Informationen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Consent Management Platform von Real Cookie Banner